Dem Anfängergeist nähern wir uns am besten mit einer alltäglichen Situation: Neulich saß ich morgens mit meiner Tasse Kaffee in meinem Schaukelstuhl. Derselbe Platz, dieselbe Tasse, derselbe Blick nach draußen. Und ich dachte mir: Wie oft nehme ich diesen Moment eigentlich wirklich wahr. So oft trinke ich meinen Kaffee, während ich gedanklich schon beim nächsten Termin bin. Oder bei dem, was gestern war. Achtsamkeit ist eine ständige Herausforderung für mich. Ehrlicherweise bin ich wahrscheinlich viel häufiger im Autopilot-Modus als im Hier und Jetzt. Und dies, obwohl ich regelmäßig innehalte und täglich meditiere.
Wir Menschen sind erstaunlich gut darin, uns an Dinge zu gewöhnen. Das ist praktisch, aber manchmal auch schade. Wir kennen wir nicht nur unsere Küche, unseren Arbeitsweg und unsere Lieblingsmenschen, sondern meinen auch zu wissen, wie unsere Welt funktioniert. Wie andere Menschen reagieren. Was uns liegt und was nicht. Was wir können. Und sogar, wer wir selbst sind.
Genau hier kommt ein zentraler Aspekt aus der Achtsamkeitspraxis ins Spiel: der sogenannte Anfängergeist.
Was bedeutet Anfängergeist?
Jon Kabat-Zinn, einer der Wegbereiter der modernen Achtsamkeitspraxis, zählt den Beginner’s Mind zu den grundlegenden Haltungen der Achtsamkeit. Es geht darum, für einen Moment eine Erfahrung so wahrzunehmen, als hätten wir sie noch nie gemacht.
Anfänger schauen mit offenen, neugierigen Blicken und vor allem mit Akzeptanz. Sie fragen, beobachten, staunen. Es gibt noch keine fertige Schublade für das, was ist.
Vielleicht kennst Du das vom Reisen. In einer fremden Stadt bemerkst Du plötzlich die Farbe der Häuser, die Geräusche auf der Straße, den Geruch einer Bäckerei oder die Art, wie Menschen miteinander sprechen.
Zu Hause laufen wir an hundert Dingen vorbei, ohne sie überhaupt noch wahrzunehmen. Nicht weil sie weniger interessant wären, sondern weil unser Gehirn beschlossen hat: Kenne ich schon. Autopilot einschalten.
Was passiert, wenn uns der Anfängergeist verloren geht?
Unser Gehirn liebt Routinen. Und das ist zunächst einmal etwas Gutes. Stell Dir vor, Du müsstest jeden Morgen neu überlegen, wie Du Dir die Zähne putzen sollst, eine Kaffeemaschine bedienst oder Fahrrad fährst. Dein innerer Autopilot spart Energie.
Problematisch wird es erst, wenn dieser Autopilot auch dort übernimmt, wo Du eigentlich wach und aufmerksam sein möchtest.
Ryan Niemiec vom VIA Institute on Character beschreibt genau diesen „Autopilot Mind“ als den entscheidenden Ausgangspunkt der Mindfulness-Based Strengths Practice (MBSP). Dieses achtwöchige, wissenschaftlich fundierte Programm verbindet Achtsamkeit mit unseren Charakterstärken. Bereits die erste Einheit beschäftigt sich mit „Mindfulness and Autopilot“.
Denn auf Autopilot essen, laufen und arbeiten wir nicht nur. Wir können sogar Menschen auf Autopilot begegnen. Und das klingt dann etwa so:
„Meine Kollegin ist eben so.“
„Mein Mann hört sowieso nicht zu.“
„Meine Mutter wird sich nie ändern.“
Und besonders spannend: Auch unser Bild von uns selbst kann vom Autopiloten gekapert werden.
„Technik liegt mir nicht.“
„Dafür bin ich inzwischen zu alt.“
„Ich war noch nie besonders mutig.“
Aus Erfahrungen werden Überzeugungen und aus Überzeugungen werden Erwartungen. Und irgendwann sehen wir nicht mehr unbedingt das, was gerade ist, sondern das, was wir erwarten zu sehen. Der Anfängergeist öffnet diesen gedanklichen Raum.
Anfängergeist behauptet nicht, alles sei neu. Allerdings gibt es Neues zu entdecken oder Altes, was aus einer neuen Perspektive wie neu ist. Für mich liegt darin eine große Freiheit.
Eine meiner liebsten Übungen dazu ist wunderbar unspektakulär. Nimm eine Rosine. Und stell Dir vor, Du hättest noch nie in Deinem Leben eine gesehen. Schau sie aufmerksam an. Welche Farbe hat sie wirklich? Ist sie überall gleich? Welche Struktur erkennst Du? Wie fühlt sie sich zwischen Deinen Fingern an? Wie riecht sie? Dann nimm sie in den Mund, ohne sie sofort zu kauen. Was bemerkst Du? Usw.
Natürlich geht es dabei nicht in erster Linie um die Rosine, sondern darum zu erkennen, wie viel wir normalerweise nicht mehr wahrnehmen, sobald unser Gehirn etwas als bekannt abgespeichert hat.
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Wie kannst Du den Anfängergeist praktizieren?
Du brauchst dafür weder ein Meditationskissen noch eine Stunde Zeit. Beginne mit kleinen Momenten. Schau einen vertrauten Menschen neu an – wie jemanden, den Du gerade erst kennenlernst. Vielleicht Deinen Partner, Deine Freundin oder Dein erwachsenes Kind. Versuche für einen Moment nicht die Person zu sehen, die Du seit Jahren kennst. Schau hin. Wie klingt ihre Stimme? Was könnte sie gerade beschäftigen?
Es gibt noch weitere Möglichkeiten: Verändere eine Routine. Geh einen anderen Weg. Setz Dich beim Frühstück auf einen anderen Platz.
Und dann benutze Deine Sinne. Was siehst Du? Was hörst Du? Was riechst Du? Was spürst Du? Sinneswahrnehmungen bringen Dich unmittelbar zurück in den gegenwärtigen Moment.
Hier ist eine kleine Anfängergeist-Challenge für Dich
- Such Dir heute etwas aus, das Du sehr gut kennst. Deine morgendliche Tasse Kaffee. Das Zähneputzen. Deinen Weg zur Arbeit. Einen Baum vor Deinem Fenster. Ein Musikstück, das Du hundertmal gehört hast. Oder einen Menschen, mit dem Du schon viele Jahre zusammenlebst.
- Nimm Dir einige Minuten Zeit. Schau hin, als würdest Du diesem Menschen oder diesem Moment zum ersten Mal begegnen.
- Verändere nichts. Bewerte nicht. Nimm einfach nur wahr.
- Stelle Dir die Frage: Was kann ich heute entdecken, was ich gestern noch nicht gesehen habe?
Vielleicht ist Anfängergeist am Ende genau das: Nicht die Welt muss ständig neu werden. Es reicht, wenn wir wieder neu hinschauen. Das MBSP Programm nutzt den Anfängergeist und führt Achtsamkeit und Charakterstärken auf nachhaltige und einzigartige Weise zusammen. Das bereitet einer neuen, spannenden Welt im Innen wie Außen den Weg. Infos findest Du hier.